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Bist Du irre? Warum machst Du sowas?
(Story von Thomas Schmidt)
Ich stehe mit einem Kumpel am Rand einer Rollbahn und blicke entspannt in Richtung Sonnenuntergang. Ein fantastischer Sommerabend mitten im Grünen geht zu Ende. Die Sonne beginnt sich zu verabschieden, indem sie alles in ein orangenes Licht taucht. Plötzlich verstummt das Zirpen der Grillen und ein mechanisches Surren wird lauter. Dann pfeift ein kleiner Orkan durch meine Klamotten. Eine Legende ist da: Die Pilatus Porter. Der fliegende Transporter mit Kultstatus. Jetzt geht alles sehr schnell. Schiebetür auf, neun Leute rein und los gehts auf die Startbahn. Keine fünf Minuten später blicke ich von oben auf meine Heimat. Einfach schön, die hessische Landschaft.

Im Flieger gemischte Stimmung. Die einen unterhalten sich fröhlich scherzend, andere sind etwas blass um die Nase und blicken angespannt in die Runde. Jeder hat so seine eigene Methode mit der Anspannung umzugehen. Der Anlass für den Flug ist für beide Gruppen derselbe und wird nach etwa 20 Minuten Flugzeit im wahrsten Sinne offen-sichtlich. Udo, der Pilot, drosselt den die Turbine und die Pilatus wird spürbar langsamer. Kurz darauf lächelt er und nickt einmal kurz. Das war für alle das Zeichen. „EXIT!” rufen einige im Chor und einer der Jungs an der Schiebetür öffnet fast die komplette Seitenfront der Flugzeugkabine. Unter uns 4.000 Meter nix – außer Luft und die hessische Landschaft. Schwupps, sind die ersten durch die Tür verschwunden und fallen nach unten. Jetzt sind wir dran. Ich klettere durch die Tür nach draußen in den Wind, stehe auf einem Trittbrett und halte mich an einer Reling fest. Mein Kumpel hängt sich neben mich, eine Hand an der Reling, die andere an einer Griffleiste meiner Sprungkombi. ”Ready – set – gooo!” und schon fallen wir zusammen durch die Luft. Die Beschleunigung nimmt spürbar zu und nach wenigen Sekunden spürt man die volle Anströmung der Luft von unten. Fühlt sich an wie Fliegen. Wir lösen die Griffe und fliegen auf gleicher Höhe frei voreinander. Zwischendurch immer wieder der schnelle Blick auf den Höhenmesser an der linken Hand. Jetzt das einstudierte Formati0ns-Programm: Greifen, loslassen, linksdrehen, greifen, rechtsdrehen … Hey, das klappt diesmal erstaunlich gut. Mit ein wenig mehr als 130 Sprüngen gilt man im Fallschirmsport noch als Anfänger. Umso mehr freuen wir uns über das Gelingen. Was auf Youtube nach „ey, total easy Alter” aussieht, ist im echten Freifall mitunder sauschwer und braucht viel Übung. Was dagegen total leicht funktioniert, ist das „Pullen” – im allgemeinen als „Reißleine ziehen” bekannt.
Nachdem wir uns in vereinbarter Höhe weit genur voneinander getrennt haben, öffne ich auf 1.000 Meter Höhe meinen Fallschirm und checke was mir so beigebracht wurde. Schirm ok? Offensichtlich ;-). Auf Kollisionskurs mit anderen Springern? Alles gut, mein Kumpel ist weit entfernt. Höhenkontrolle? OK, wäre noch hoch genug für das Abtrennen des Hauptschirms und die Reserveöffnung. Blick nach unten? Danke Udo, wieder topp abgesetzt: Der Flugplatz ist direkt unter mir. Wind- und Landerichtung checken und zwischendurch immer wieder Landschaft und Sonnenuntergang genießen. Nach ein paar Minuten Flugzeit zeigt der Höhenmesser 300 Meter. Alles klar, los gehts mit dem vorgegebenen Landeanflug. So sehr die Fallschirmspringer gerne auch als die Punker der Lüfte gesehen werden, vieles ist gut reguliert und folgt einer Sicherheitslogik – so auch das Prinzip des Landeanflugs nach vorgegebenen Muster. Ich bin bei 100 Meter Höhe angekommen und peile die Landewiese vor mir an. Oha – heute kaum Gegenwind. Also geht alles mit deutlich mehr Vorwärtsfahrt nach unten. Jetzt den Schirm mit den Steuerleinen sanft abfangen und abbremsen. Ich stehe glücklich auf der Wiese. Warum ich diesen Irrsinn mache? „Weil ich es will!”
(Redaktion: Inzwischen sind aus den 130 über 1.300 Sprünge geworden. Thomas ist heute Sprunglehrer und Wettkampfspringer in einem 4-Way-Formation-Team)
